Körper- und Geistesschulung
Wir weisen darauf hin, dass zwischen dem Verhalten in der Übungsstunde und der persönlichen Einstellung im Lebensalltag kein zu großer Unterschied gemacht werden sollte. Hierzu sind die allgemeinen und besonderen Regeln, die der große Yogameister Patanjali im Yoga-Sutra niedergeschrieben hat, hilfreich. Zu Beginn des Übungsweges dienen die Sutras als Richtschnur und werden manchmal als belehrend oder, den zehn Geboten ähnlich, als „ermahnend“ empfunden.
Wer aber weiter übt, macht die Erfahrung, dass die „Yama“ und „Niyama“ genannten Regeln nicht mehr als äußere Gebote aufgefasst werden, sondern zu einer inneren Einsicht werden. Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Asteya heißt „nicht stehlen“. Am Anfang des Übungsweges erinnert es uns an das siebte Gebot: du sollst nicht stehlen. Wenn die Übenden dann die Erfahrung machen, dass sich ihr Leben, so wie es ist, in Übereinstimmung mit den Lebensgesetzen der Natur befindet, werden sie innerlich wissen, dass man sich gar nichts aneignen kann, was einem ohnehin (eventuell karmisch bedingt) nicht zusteht. „Nicht stehlen“ ist dann keine moralische Verhaltensnorm, sondern eine eigengesetzliche Erkenntnis.
Yoga ist ein Weg zur persönlichen Vervollkommnung, aber nicht zur Vervollkommnung der Person! Die Persönlichkeit, das kleine „Ich“ kann gar nicht vollkommener werden. Wie ist das zu verstehen? Bevor ich versuche, das zu erklären, noch mal ein Schritt zurück. Obwohl meine Frau und ich, wie eingangs erwähnt, über 30 Jahre Yoga üben, sind wir von der letzten Vollkommenheit noch weit entfernt. Wir maßen uns nicht an, vollkommen zu sein und erwarten auch von keinem Schüler Vollkommenheit anzustreben, geschweige denn vollkommen zu sein. Jeder Lehrer kann einen Übenden nur bis zu einer Stufe begleiten, die er selbst erreicht hat.
Wahrnehmungs- und Bewusstseinserweiterung
Es ist schon viel erreicht, wenn Übende sich ihres Körpers, ihrer Emotionen und ihrer Gefühle bewusster geworden sind. Wenn im Verlauf des Übens innere Achtsamkeit entwickelt wurde und man einfach „durchlässiger“ geworden ist für den Fluss des Lebens, darf man sich eines Zustandes des inneren Gleichgewichts erfreuen. Zwar können nach wie vor Störungen auftreten, doch werden diese als weniger krass empfunden, kippen die Balance nicht auf Dauer und man findet leichter zur eigenen Mitte zurück. Das wichtigste Ergebnis dieser „Stufe“ ist jedoch therapeutischer Natur. Die aus der Kindheit stammenden alten Prägungen und zu Dauerbrennern gewordenen emotionalen Konflikte lösen sich auf. Alte unüberprüfte Anschauungen werden nachträglich einer innen Überprüfung unterzogen und können revidiert werden. (Solche Anschauungen können in „Glaubenssätzen“ zusammengefasst werden wie z.B. „ich kann nicht alleine leben, ich muss ständig wachsam sein, nur wenn ich etwas leiste werde ich geliebt, ich muss immer artig sein“, „wenn ich sage, was ich wirklich fühle, werden mich alle verachten“ usw.)
Yogaübende werden sich durch die immer klarer werdende Innenschau ihrer Grundannahmen bewusst. Die Bewusstheit bringt Licht in das Dunkel des Unbewussten. Allmählich werden sie immer weniger anfällig für das Wiederholen der alten Denk- und Verhaltensschablonen. Karmische Knoten mögen weiter bestehen bleiben, sie werden jedoch nicht nur als Bürde und Schicksal, sondern zunehmend als Aufgabe und Herausforderung empfunden.
Auch das Erreichen dieser Stufe kann erst einmal genügen. Inzwischen sollte klar sein, dass ungelöste seelische Konflikte versuchen, sich in körperlichen Symptomen auszudrücken und sichtbar zu werden. Durch das Klären des Innenlebens (die „psychotherapeutische“ Arbeit des Yoga) werden Übende daher automatisch weniger anfällig für gesundheitliche Störungen. Statt bisher mit viel Energieaufwand die ungelösten Konflikte im Schach zu halten, werden innere Kräfte frei mit auftretenden Problemen leichter fertig zu werden. Kreativität und Genialität in der Bewältigung des keineswegs immer himmelblauen Alltags, sind die Kennzeichen dieser Ebene. Wenn es einem Übenden gelingt diese Stufe zu erreichen, tritt das ein, was oft als „heitere Gelassenheit“ beschrieben wird. Mögen Sturmwolken um den Yoga-Übenden herum ihr Element entladen, er bleibt innerlich gleichmütig. Etliche Hindernisse müssen genommen werden, um „hier“ anzukommen. Die innere Arbeit ist keineswegs leicht, aber mit einem selbsterfahrenem Yogalehrer, der bis hierher gegangen ist, und der den Übenden einfühlsam begleitet, lässt sich manche Blockade lösen. Dies geschieht üblicherweise in direktem Lehrer-Schüler-Dialog (Einzelarbeit, persönliches Coaching). In einer Yogagruppe lässt sich diese Aufgabe nur dann durchführen, wenn ein hohe Motivation aller Teilnehmer gegeben ist.
Lesen Sie im nächsten Artikel: Innere Arbeit und Klärung des Geistes, unterschiedliche Übungspraxis
Manfred Laurisch und seine Frau Christa praktizieren seit über 30 Jahren Yoga und bieten Kurse, Seminare und Yogareisen an.
Weitere Infos unter www.das-lebensrad.de
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Sandra
27. Januar 2012 am 09:15
Sehr interessant. Wann kommt der nächste Artikel zum Thema Yoga?
Caroline Yao
27. Januar 2012 am 10:39
Hallo Sandra,
…Yoga Teil 3 kommt nächste Woche am Freitag.
Mit herzlichen Grüßen,
das Terravera-Team
Sandra
28. Januar 2012 am 12:49
Liebes Terravera-Team,
herzlichen Dank für die schnelle Antwort.
Mit freudigen Grüßen
Sandra
sevil cavusoglu
12. Februar 2012 am 17:44
danke für diesen beitag. ich habe keinerlei erfahrungen mit yoga trotzdem kennne ich das was hier beschrieben wird.