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Die Götter des Hinduismus, Teil 2: Shiva

Die Geschichte und Bedeutung des Namens

Shiva (sanskr.: Śiva, gespr.: Schiwa) ist neben Vishnu der zweite Hauptgott des Hinduismus und daher von zentraler Bedeutung. Innerhalb der hinduistischen Triade von Brahma (Schöpfer) und Vishnu (Bewahrer) verkörpert Shiva als Zerstörer und Auflöser oftmals furchterregende Aspekte des Lebens, vor allem den Tod.

Bereits in vedischer Zeit tritt er als Nebengott unter dem Namen Rudra (Heuler) auf.

Der Mythologie nach erhielt er diesen Namen, weil er nach seiner Geburt wehklagend heulte. Auf die Frage seines Vaters Prajapati nach dem Grund dafür, antwortete er, er heule, weil er keinen Namen erhalten habe. Daraufhin taufte ihn sein Vater schlichtweg „Heuler“, Rudra.

Nach einer alternativen Überlieferung bat Shiva seinen Vater hingegen achtmal um einen Namen, weshalb ihm diverse Namen verliehen wurden. Die vielen Namen verdeutlichen die Unnahbarkeit und Vielseitigkeit Shivas.

Die Bezeichnung Shiva (etwa „Glückverheißender“) erhält er erst in sehr später vedischer Zeit und sie zeugt von einem Bedeutungswandel.

Denn während der vedische Rudra angsteinflößend und von den Menschen gefürchtet war, wird seine Rolle als Zerstörer nun zugleich auch positiv als die des Erneuerers erkannt.

Shiva steht somit nicht nur für Untergang und Tod, sondern ebenso für den Neuanfang. Er besitzt die Macht der Veränderung und er zerstört lediglich, um den Weg für etwas Besseres und Höheres zu ebnen.

Im Gegensatz zum majestätischen Vishnu, der als edler König Geschaffenes bewahrt, wird Shiva meist als zurückgezogen lebender Asket dargestellt, der nur in Erscheinung tritt, wenn große Veränderungen anstehen.

Als „Herr der Askese“ (sanskr.: yogeśvara) lebt er auf dem heiligen Himalayaberg Kailash (sanskr.: kailāsa) und ist nach asketischer Tradition mit grauer Asche bedeckt. Sein Stirnmal sind drei waagerechte, weiße Striche und sein Reittier ist der Bulle Nandi.

Shiva gilt selbst unter den Göttern als recht verschrobener Außenseiter.

Die Form des Linga

Verehrt wird Shiva aber eher selten in Menschengestalt, sondern vielmehr in der Form des Linga (sanskr.: lińgam). Dies ist ein länglicher, konisch nach oben zulaufender, senkrechter Stein, der von frommen Shivaiten als Ausdruck der Vollkommenheit verstanden wird.

Vor allem aus religionswissenschaftlicher Sicht stellt der Linga dagegen ein Phallussymbol dar. Diese mitunter auch in den Sanskrittexten aufzufindende Interpretation wird dadurch gestützt, dass der Linga häufig in Verbindung und Vereinigung mit Yoni (Vagina) genannt wird.

Auch oder gerade in diesem sexuellen Kontext wird Shiva als das Prinzip des Erneuerns deutlich. So muss die jungfräuliche Reinheit erst „zerstört“ werden, damit neues Leben geschenkt werden kann. Ganz besonders deutlich wird dieser Aspekt an der Tatsache, dass Shiva als zurückgezogener Asket trotzdem Frau und Kind hat.

Dieser scheinbare Widerspruch gehört zu Shivas charakteristischen Merkmalen, er vereinigt in sich sämtliche Gegensätze und verdeutlicht, dass sich im Leben alles gegenseitig bedingt: Tod und Geburt, Krankheit und Gesundheit, Trauer und Freude, Enthaltsamkeit und Lust usw.

Die Familie

Shivas Familie führt tief hinein in hinduistische Gläubigkeit, denn seine Frau ist die hochverehrte Göttin Parvati (sanskr.:pārvatī) und der Sohn beider kein Geringerer als der bedeutende hinduistische Gott Ganesha (sanskr.: gaņeśa), in der modernen Umgangssprache oft auch nur Ganesh genannt.

Der Legende nach war Shivas Frau ursprünglich Uma (sanskr.: umā). Doch da Shiva seinen Schwiegervater Daksha (sanskr.: dakşa) einmal nicht mit dem gebührenden Respekt begrüßte, verfluchte Daksha ihn dazu, an keiner Opfergabe mehr Anteil zu haben. Anschließend lud Daksha alle anderen Götter zu einem großen Opferfest ein. Auch Uma folgte der Einladung ihres Vaters. Doch die tiefe Verachtung ihres Vaters für ihren geliebten Gemahl Shiva erzürnte sie dermaßen, dass sie daran starb. Hier bestehen zwei Varianten der Überlieferung. Einmal stirbt sie schlichtweg aus Gram. In der anderen Version verbrennt sie sich selbst im Opferfeuer und erhält darauf den Beinamen Sati (sanskr.: satī), die gute Ehefrau.

Als Shiva vom Tod seiner Frau erfährt lässt er vor Wut aus einer Locke seines Haares den Dämonen Virabhadra entstehen, der sich sofort zu Daksha begibt und ihn enthauptet.

Die übrigen Götter geraten darüber in große Unruhe und begeben sich zum Berg Kailash, um Shiva in seiner Raserei zu besänftigen.. Dies gelingt ihnen auch und Shiva erlaubt Daksha mit einem Ziegenkopf weiterzuleben. Daksha wird aus Dankbarkeit zum treuen Verehrer Shivas. Uma wird nun als Tochter des Himalayagottes Himavat und dessen Frau Menā als Parvati („Bergtochter“) wiedergeboren und erneut Shivas Ehefrau.

Nach einem weiteren Mythos gebärt Parvati in Shivas Abwesenheit den gemeinsamen Sohn Ganesha. Dieser wächst rasch heran und als Parvati einmal in Ruhe baden möchte, stellt sie Ganesha als Wache vor ihrer Tür auf. Deshalb verwehrt Ganesha seinem ihm unbekannten Vater Shiva bei dessen Rückkehr den Zutritt, worauf dieser außer sich gerät und Ganesha den Kopf abschlägt.

Parvati erklärt Shiva daraufhin verzweifelt, dass er soeben seinen eignen Sohn getötet habe und Shiva verspricht, Ganeshas Kopf umgehend durch den Kopf des nächsten Wesens zu ersetzen, das ihm begegnet. Und das ist eben ein Elefant, weshalb Ganesha fortan einen Elefantenkopf hat.

Ganesha gilt als besonders klug. Er ist der Gott der Weisheit und soll nach Diktat des Heiligen Vyāsa das berühmte Epos Mahabharata (sanskr.: mahābhārata) niedergeschrieben haben.

 Der Mythos der Weltentstehung

Shiva spielt schon im Weltentstehungsmythos vom Quirlen des Milchozeans (sanskr.: kşīrābdhi) eine bedeutende Rolle. Damals suchten sowohl Götter als auch Dämonen nach dem Unsterblichkeitsnektar Amrita. Dieser lag tief im Milchozean verborgen und musste durch aufwändiges Quirlen des Ozeans erst an die Oberfläche befördert werden. Hierfür arbeiteten ausnahmsweise Götter und Dämonen einmal zusammen.

Zum Quirlen wird die gigantische Schlange Vasuki (sanskr.: vāsuki) um den Weltenberg Mandara gewickelt und der Berg so als Quirl verwendet. Doch Vasuki versucht dabei ihr Gift in den Milchozean zu spucken, wobei der Unsterblichkeitsnektar Amrita zerstört würde.

Shiva reagiert blitzschnell, schluckt das Gift der Schlange und rettet so den Nektar. Sämtliche Götter verdanken daher Shiva ihre Unsterblichkeit. Die Dämonen wurden bei der Verteilung des Nektars dagegen von Vishnu ausgetrickst und sind somit nicht unsterblich.

Aufgrund des geschluckten Giftes verfärbte sich Shivas Hals blau, weshalb er auch den Namen Nilakantha (sanskr.: nīlakaņţha) „Blauhals“ erhält.

 

Der Ganges-Mythos

Ein weiterer schöner Mythos um Shiva bezieht sich auf den Ganges (sanskr.: gańgā). Der Fluss, der im Indischen weiblich ist und selbst eine Göttin repräsentiert, floss damals nur im Himmel.

Der mächtige König Sagara beabsichtigte damals ein großes Pferdeopfer zu Ehren der Götter zu vollziehen. Doch eines der benötigten 60.000 Pferde verschwand und der König sandte seine Söhne aus, es zu suchen. Sie entdeckten es in der Nähe des mächtigen Asketen Kapila, hielten ihn fälschlicherweise für den Dieb und wollten ihn sogleich töten. Doch Kapila verbrannte sie mit seiner magischen Kraft zu Asche, die nur durch die himmlische Ganga wieder zum Leben erweckt werden konnte. Einem Verwandten des Königs gelingt es schließlich Ganga zum Herabfließen auf die Erde zu bewegen, wenn sie von jemandem aufgefangen wird, damit sie nicht so tief stürzt.

Da zeigt sich Shiva wieder als Retter in der Not und lässt Ganga über seinen Haarknoten fließen, woraufhin er als Gangadhara (sanskr.: gańgādhara) „Gangaträger“ bezeichnet wird.

Der kosmische Tanz

Shivas überwältigende Macht wird aber vielleicht in keinem Mythos so schön dargestellt wie in seinem kosmischen Tanz. Es existieren zwei Versionen dieser Geschichte. Einmal gewann Shiva einfach einen Tanzwettstreit gegen die Göttin Kali (sanskr.: kālī).

In der umfassenderen Version wanderte Shiva als Asket auf der Erde und traf auf verräterische Rishis (sanskr.: ŗşi) „Seher“. Um sie zu bestrafen, verführte er ihre Frauen, worauf sie nacheinander einen Tiger, eine Schlange, eine Antilope und schließlich den zwergenhaften Dämonen Apasmara auf ihn hetzten. Während Shiva die Tiere tötete und sich mit deren Häuten schmückte, bezwang er den Dämonen dadurch, dass er auf seinem Rücken tanzte. Die Seher mussten sich ihm schließlich unterwerfen.

Shiva als der „Herr des Tanzes“ (sanskr.: naţarāja) ist eine der bekanntesten ikonographischen Darstellungen des Gottes. Sein Tanz wird dabei von frommen Anhängern auch als kosmischer Akt der Weltenzerstörung und Neuerschaffung gedeutet.



Foto Shivastatue: Nkodikal (Wikimedia)

Liebe ist...

wenn aus lieb immer lieber wird.
Erstellt von on 25. Januar 2012. Im Archiv Spiritualität,Test. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. You can leave a response or trackback to this entry
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